In der Steuerdebatte wird viel behauptet und wenig nachgerechnet. “Spitzensteuersatz senken!” — was bedeutet das konkret für dein Gehalt? “Mittelstandsbauch abschaffen!” — wie viel bringt das wirklich? Und wer zahlt die Rechnung?
Vor ein paar Tagen habe ich den Steuertarif-Simulator veröffentlicht, ein Tool das den §32a EStG anfassbar macht. Schieberegler statt Paragraphen. Jede Änderung zeigt sofort: Was passiert mit deinem Netto, und was passiert mit dem Staatshaushalt. Die Resonanz war überwältigend — über 6.000 Menschen haben den Simulator in den ersten Tagen genutzt.
Warum ich das gebaut habe
Der Auslöser war simpel: Mal wieder kursierten zig Vorschläge für neue Steuertarife. Jede Partei hatte einen anderen Plan, jeder Kommentator eine andere Meinung, und jeder behauptete sein Vorschlag wäre der richtige. Mittelstandsbauch abschaffen, Spitzensteuersatz senken, Grundfreibetrag erhöhen, “die Reichen zahlen zu wenig” — alles klang irgendwie plausibel. Und alles blieb schwammig.
Das hat mich genervt. Also habe ich angefangen zu rechnen. Zuerst wollte ich einfach wissen: Was passiert mit meinem eigenen Einkommen, wenn man an den Stellschrauben des Tarifs dreht? Dann wollte ich wissen, welchen Impact das auf den Staatshaushalt hat. Und dann habe ich gemerkt: Wenn ich diese Fragen habe, haben sie andere auch. Also habe ich daraus ein Tool gebaut, das jeder nutzen kann.
Das Ergebnis ist der Steuertarif-Simulator. Er ist bewusst politisch neutral — er zeigt die wahrscheinlichen Auswirkungen verschiedener Konzepte, ohne zu bewerten welches das richtige ist. Das sollen die Nutzer selbst entscheiden. Ich persönlich bin immer für mehr Geld beim Bürger, aber das ist meine politische Meinung, kein Fakt. Der Simulator liefert die Fakten, die Einordnung ist Sache des Lesers.
Jetzt kommt v2.0. Und die behebt die größte Lücke der ersten Version.
Familien können jetzt rechnen
Version 1 konnte nur Einzelveranlagung. Das war eine massive Lücke — rund 35% der Steuerpflichtigen nutzen den Splittingtarif. v2.0 kann jetzt Zusammenveranlagung, Kinderfreibetrag mit Günstigerprüfung gegen Kindergeld und den Entlastungsbetrag für Alleinerziehende. Eine Familie mit zwei Kindern sieht ein komplett anderes Bild als ein Single — wie im echten Leben.
Selbständige sind dabei
Angestellt vs. selbständig macht einen riesigen Unterschied: keine Sozialversicherungspflicht, nur der Sonderausgaben-Pauschbetrag als Abzug. Ein Klick, und du siehst den Unterschied. Wer die Debatte um Sozialabgaben auf Kapitaleinkommen oder die Belastung von Selbständigen verstehen will, hat jetzt die Zahlen dafür.
Der Eingangssteuersatz ist ein Slider
14% — diese Zahl steht seit Jahrzehnten im Gesetz. Aber was passiert, wenn man sie auf 10% senkt? Oder auf 18% erhöht? Bisher konnte man das nur theoretisch diskutieren. Jetzt kann man es durchspielen und sehen was es kostet.
Die Fiskalschätzung ist ehrlicher
Schon in v1 konnte der Simulator die Aufkommenswirkung auf rund 42,5 Millionen Steuerpflichtige hochrechnen. Aber die Disclaimers waren dünn. Das habe ich geändert. Jetzt steht klar dran: Statisches Scoring, kein Splitting in der Aggregation, Destatis-Daten von 2021, ±10–20% Abweichung möglich. Eine grobe Größenordnung, keine Prognose. Ehrlich über die eigenen Grenzen zu sein ist mir wichtiger als eine Präzision vorzutäuschen die nicht da ist.
Dezilanalyse: Wer trägt wie viel?
“Die Top 10% tragen X% der Steuerlast” — das wird in jeder Steuerdebatte behauptet. Ab jetzt kann man es für jedes Szenario vergleichen. Status Quo vs. dein Vorschlag, kumuliert von oben nach unten. Die Verteilungswirkung einer Steuerreform ist mindestens so wichtig wie ihr Aufkommen.
Was der Simulator nicht kann — und warum das okay ist
Kein Splitting in der Fiskalschätzung, weil Destatis die Einkommensverteilung nicht nach Veranlagungsart aufschlüsselt. Kein Kindergeld und kein Kinderfreibetrag in der Aggregation, weil die Günstigerprüfung vom Einkommen und der Kinderzahl abhängt und ohne Kreuzverteilung nicht modellierbar ist. Keine Verhaltenseffekte, weil Menschen ihr Verhalten ändern wenn sich Steuern ändern — das zu modellieren ist Wissenschaft für sich. Und Daten von 2021 — fünf Jahre alt, nicht inflationsbereinigt. Besser als raten, schlechter als aktuell.
Das sind bewusste Entscheidungen. Ein Simulator der alles kann, kann nichts gut. Dieser hier macht eine Sache: den Tarif nach §32a transparent machen.
Open Source
Der komplette Quellcode liegt auf GitHub. Jede Formel, jeder Koeffizient, jede Quelle ist einsehbar und nachprüfbar. Wer einen Fehler findet oder eine Verbesserung hat: gerne.
