Flughafen BER
Der BER ist quasi mein zweites Zuhause geworden - im Durchschnitt bin ich jeden Monat einmal hier.

Sonntagvormittag, BER. Ich sitze mit einem Kaffee in der Hand am Gate und warte auf meinen Flug nach Atlanta. Wie immer mit British Airways über London Heathrow, wie immer in einer 777 — und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit habe ich in genau diesem Flugzeug schon einmal gesessen. Es ist mein siebter Trip nach Atlanta, dazu kommen Meetings in New York und irgendwas um die 40 Dienstreisen nach Nürnberg. Wenn mir das jemand 2019 erzählt hätte, hätte ich gelacht. Nicht aus Bescheidenheit, sondern weil schlicht nichts darauf hingedeutet hat, dass sich meine berufliche Laufbahn in diese Richtung entwickeln würde.

Dieser Text ist der Versuch, die letzten sechs Jahre in einen kohärenten Erzählstrang zu bringen. Von einem skeptischen Praktikanten in Thüringen, der eine technische Frage in einem Bewerbungsgespräch vergeigt hat, bis zu einem Solution Architect, der digitale Lösungen für internationales Steuerrecht baut und jetzt den US CPA anstrebt. Es ist keine geradlinige Geschichte, aber gerade deshalb eine, die es sich lohnt zu erzählen.

September 2019: Kaltes Wasser

Alles beginnt in Ilmenau, Thüringen. Ich studiere Wirtschaftsinformatik an der TU und mache mein Pflichtpraktikum bei einem kleinen SAP-Beratungshaus. Meine ersten Berührungspunkte mit SAP-Produkten, meine ersten Gehversuche in der Beratung. Eine solide, aber wenig spektakuläre Ausgangslage.

Dann meldet sich ein ehemaliger Mitarbeiter. Michael, inzwischen bei einer großen interdisziplinären Beratungsgesellschaft, sucht für sein Team Unterstützung bei einem Implementierungsprojekt. Das Anforderungsprofil ist überschaubar: viel operatives Arbeiten im System, keine Konzeption, ein gewisses Verständnis von Finanzdaten. Mein Praktikumsbetreuer spricht mich an, ob ich mir vorstellen könnte, ein erstes Gespräch mit Michael zu führen und zu schauen, ob ich auf das Profil passe.

Meine Reaktion lässt sich diplomatisch als „verhalten" beschreiben. Realistischer formuliert: Ich war skeptisch, sehr skeptisch. Nach einer Mischung aus gutem Zureden und einer „ab ins kalte Wasser"-Attitüde stand das Telefonat dann an. 30 Minuten, von denen mir zwei Dinge bis heute im Gedächtnis geblieben sind: Erstens, es sollte um Steuern gehen. Zweitens, ich habe eine technische Frage von beeindruckender Trivialität nicht beantworten können. Mein Fazit nach dem Gespräch war eindeutig: Das war nichts.

Ein paar Tage später war ich auf dem Weg nach Nürnberg. Zu meinem ersten Projekt.

Das Fundament

Rückblickend lässt sich diese Chance kaum überschätzen. In diesem Projekt habe ich mein Handwerkszeug gelernt — nicht in der Theorie eines Hörsaals, sondern dort wo es zählt: beim Kunden, unter Zeitdruck, mit realen Konsequenzen. Und ich habe mein Interesse an Steuern entdeckt. Das klingt für einen Wirtschaftsinformatiker kontraintuitiv, aber die Schnittstelle zwischen Technologie und Steuerrecht hat mich von Anfang an fasziniert. Steuerrecht ist nicht statisch, es ist international verflochten, und die Anforderungen an seine Abbildung in Systemen sind enorm. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet ein WiInf-Student aus Ilmenau sich dafür begeistert.

Über die Jahre hat sich meine Rolle verändert. Am Anfang war ich derjenige, der im System gearbeitet hat — Technik pur. Dann kam die Architektur: Systeme entwerfen, Prozesse verstehen, Lösungen gestalten. Mit jedem Schritt bin ich näher an die fachliche Seite gerückt. Näher an das Steuerrecht, näher an die Mandanten, näher an die Fragen die nicht technisch, sondern inhaltlich sind.

Der logische nächste Schritt ist also nicht noch mehr Technologie — sondern der Inhalt selbst.

Skyline - Atlanta
Atlanta - kenne ich inzwischen fast so gut wie New York.

Warum CPA

Diese Entwicklung hat eine Konsequenz: Ich sitze heute mit Entscheidern aus dem Steuerbereich am Tisch und diskutiere Lösungen für Sachverhalte, die alles andere als trivial sind. Internationale Unternehmensstrukturen, grenzüberschreitende Einkünfte, komplexe Regelwerke des US-Steuerrechts — die Themen sind anspruchsvoll, die Stakeholder erwarten fundierte Antworten, und die Toleranz für Ungenauigkeiten ist naturgemäß gering.
Bisher hat mir solides Wissen über Accounting, ein gutes Verständnis des Steuerrechts und eine gewisse Intuition für die richtigen Lösungsansätze gute Dienste geleistet. Aber es gibt einen Punkt, an dem das nicht mehr ausreicht. Irgendwann willst du nicht nur verstehen, was der Steuerberater dir erklärt, sondern selbst in der Lage sein, einen Sachverhalt im US-Steuerrecht sicher einzuordnen. Nicht ungefähr, nicht mit Bauchgefühl, sondern fundiert.

Dazu kommt: Wer langfristig in den USA in der Steuerberatung arbeiten will, kommt am CPA nicht vorbei. Er ist nicht nur ein Titel — er ist die Eintrittskarte.

Also habe ich mich entschieden, den US CPA zu machen — den Certified Public Accountant, das amerikanische Äquivalent zum Wirtschaftsprüfer und Steuerberater. Als Deutscher. Mit einem Bachelor in Wirtschaftsinformatik von der TU Ilmenau. Wer sich auch nur oberflächlich mit den Zulassungsvoraussetzungen der US-Bundesstaaten auskennt, ahnt bereits, dass das kein gerader Weg wird. NASBA-Evaluierung, deutsche Transcripts, die in den USA niemand lesen kann, Credit Gaps, die über Bridge Programs geschlossen werden müssen — die Hürden sind real und teilweise absurd. Meine deutsche Universität stellt ein englisches Transcript aus — mit deutschen Modulnamen. 25 Jahre Bologna, und das ist der Stand der Dinge.

Skyline - New York City
New York City - ihr kennt mich, ich liebe diese Stadt.

Follow the Journey

Ich werde diesen Weg hier dokumentieren. Nicht als Anleitung, dafür ist der Prozess zu individuell und zu abhängig von den jeweiligen Voraussetzungen. Sondern als ehrlicher Bericht: Was funktioniert, was nicht funktioniert, welche Hürden real sind und welche sich mit etwas Hartnäckigkeit überwinden lassen.

Wenn dich das interessiert — ob als Steuerberater, der selbst über eine internationale Qualifikation nachdenkt, als Berater, der einen ähnlichen Weg in Betracht zieht, oder einfach als jemand, der gerne zuschaut, wie sich andere durch Bürokratie kämpfen — dann folg der Journey.
Es wird holprig. Es wird frustrierend. Und am Ende wird es sich lohnen.

Und jetzt steige ich ins Flugzeug. Siebter Trip nach Atlanta — literally and figuratively on my way.